Im Ausnahme-Winter 22/23

Der Energie-Winter wird rau. Wie sehr Energie unser Leben und Wirtschaften bestimmt, erfahren wir unmittelbar in der Krise. Die nachfolgenden Aufzeichnungen dokumentieren Wertungen eines Beobachters inmitten des Geschehens.

Prof. Dr. Sebastian Herold ist Professor für Energiewirtschaft an der Hochschule Darmstadt, betreibt die Seite energy-prof.net und twittert als @sebherold. Die Energie-Notizen erscheinen ab Ende September 2022.

  • Gaspreis-Deckel: Erst kommt das Gas, dann kommt die Moral?

    Gaspreis-Deckel: Erst kommt das Gas, dann kommt die Moral?

    Es gibt einen sehr einfachen Zusammenhang auf dem Gasmarkt, der weitreichende Konsequenzen hat: Niedrigere Konsumentenpreise führen zu mehr Verbrauch als höhere. Und wenn der Staat die Preise künstlich absenkt, dann trägt er die Verantwortung für zusätzlich nachgefragte Mengen. Diese können derzeit nur über verflüssigtes Erdgas (LNG) realisiert werden, was auch für Deutschland gilt, das indirekt LNG über die Niederlande und Belgien bezieht. 

    Europa steht beim LNG in einem ausgeprägten Wettbewerb mit asiatischen Abnehmern. Wer mehr zahlt, bekommt mehr vom kurzfristig begrenzten LNG-Kuchen. Und europäische Importeure sind bereit, viel zu bezahlen, deshalb sind die Gaspreise so stark gestiegen. Künstliche Reduktionen der Gaspreise bei den europäischen Konsumenten bedeuteten, dass europäische Händler mit staatlicher Unterstützung noch mehr LNG auf den Weltmärkten aufkauften und umgekehrt Asien und andere Weltregionen noch weniger LNG erhielten als ohnehin schon. Leidtragende wären besonders Menschen in Südasien. Pakistan beispielsweise lässt bereits heute Schulen früher schließen, um Energie einzusparen. [1]

    Deshalb ist es nicht nur ökonomisch geboten, Preise wirken zu lassen und Knappheiten realistisch anzuzeigen. Es stellt sich darüber hinaus die Frage: Agieren Deutschland und Europa nach dem Recht des (wirtschaftlich) Stärkeren auf dem Rücken ärmerer Ländern oder sind sie bereit, die schmerzlichen Anpassungen an steigende Gaspreise global gemeinschaftlich zu tragen, ohne die Konsumenten in ihren Ländern zu bevorzugen. Soziale und unternehmerische Härten ließen sich auch dann weiter staatlich abfedern – nur unter Verzicht auf Eingriffe in den Gaspreis.

    Internationale Allianzen gegen Putin dürften nicht einfacher werden, wenn frei nach Brecht für Deutschland und Europa gelten sollte: Erst kommt das Gas, dann kommt die Moral. 

    [1] Bezeichnend für die Situation ist eine Überschrift in der Financial Times vom 24.09.2022: „European appetite for LNG leaves emerging nations starved of gas“.

  • Meine Energie-Woche: Energiewirtschaft vor staatlichem Interventionszirkel

    Meine Energie-Woche: Energiewirtschaft vor staatlichem Interventionszirkel

    Diese Woche lässt einen fast schwindelig zurück, so überschlugen sich die Energie-Ereignisse:

    Deutschland verstaatlicht seinen größten Gasimporteur Uniper. Die Nummer zwei und drei, Sefe/Gazprom Germania und VNG, könnten folgen. Großbritannien führt einen Preisdeckel auf Strom und Erdgas ein – unter der Regierung einer konservativen Premierministerin Truss, die sich selbst bislang der Tradition Margaret Thatchers zuordnete. Die EU prüft derweil Höchstpreise für den Einkauf von Erdgas und die G7 ist dabei, ihren Preisdeckel für russisches Öl zu konkretisieren.

    Der Staat übernimmt mit hoher Geschwindigkeit noch mehr an Kontrolle in der Energiewirtschaft als dies im Rahmen der Energiewende ohnehin bereits der Fall war. Das ist in der aktuellen Ausnahmesituation erst einmal verständlich: Uniper nicht zu retten, gefährdete den gesamten deutschen Gasmarkt. Auch Teile der Bevölkerung und der Unternehmen benötigen in diesem Winter zweifellos Hilfe. Und der Westen muss zu seiner Selbstbehauptung dem brutalen Treiben Russlands entgegentreten, das Präsident Putin diese Woche mit der Mobilmachung und der versuchten nuklearen Erpressung auf eine neue Stufe gehoben hat. Die Politik scheint sich in der Kommandorolle aber auch zu gefallen. Von einer Exit-Strategie ist bei Uniper nicht die Rede, Politik als Beschützerin vor hohen Energiepreisen verspricht den Zuspruch vieler Wähler.

    Die ordnungspolitisch alles entscheidende Frage, welche Instrumente zur Verfolgung legitimer Ziele zum Einsatz kommen, droht im aktuellen Krisenklima als scheinbare Nebensächlichkeit an den Rand gedrängt zu werden. So, als ob es kaum einen Unterschied machte, ob der Staat zum Schutz sozial schwacher Haushalte und energieintensiver Unternehmen finanzielle Hilfen leistet oder in die Preisfindung auf den Energiemärkten eingreift. Der Preis als Knappheitsindikator und der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren könnten in der Energiewirtschaft so zu indirekten Kollateralschäden des russischen Angriffs werden.

    Viele bislang in die öffentliche Diskussion eingebrachte Maßnahmen befinden sich in der Prüfung bzw. werden in den kommenden Wochen konkretisiert. Noch besteht Gestaltungsspielraum. Weitreichende Markteingriffe zögen einen Interventionszirkel nach sich: Staatlich subventionierte Energie führte zu verstärkter Nachfrage und damit zu höheren Kosten für die staatlichen Eingriffe, was wiederum die Politik zu neuen Vorgaben animierte.

    Die Weichenstellungen des Jahres 2022 werden die Energiewirtschaft über Jahre prägen.

  • Als Ukrainer für deutsche Gaskunden frieren mussten

    Als Ukrainer für deutsche Gaskunden frieren mussten

    Die russischen Gaslieferungen werden bald 49 Jahre alt. Am 1. Oktober 1973 floss der erste Kubikmeter russisches Erdgas durch den eisernen Vorhang nach Deutschland. Und das „ohne Pass und Visa“, wie der damalige sowjetische Gasminister Sabit Orudschow beim Stelldichein mit seinem deutschen Amtskollegen Hans Friderichs an der Übergabestation in Waidhaus hervorhob. [1] Erdgas stand ganz im Zeichen von Entspannung und Handelsinteressen. Die Deutschen fanden Gefallen an komfortablen Erdgasheizungen – und die Sowjetunion war erpicht auf Einnahmen in harter Währung.

    Frieren mussten dafür die Ukrainer. Der Aufbau der sowjetischen Erdgasinfrastruktur erfolgte langsamer als geplant. Moskau räumte den Lieferverpflichtungen gegenüber dem Westen oberste Priorität ein und reduzierte im Winter 1973/74 dafür die Erdgasmengen für die Ukraine. Wohnungen und Schulen blieben hier wiederholt kalt und Fabriken stellten die Produktion ein. Besonders betroffen waren Charkiw, Kiew und Lwiw. Die neuen westdeutschen Kunden bekamen von dieser realen Brüderlichkeit in der sozialistischen Welt nichts mit.

    Die Ukrainer damals hatten keine Wahl, sie standen unter russisch-sowjetischer Herrschaft. Die Ukrainer heute verteidigen ihr Land gegen den brutalen russischen Angriff mit ihrem Leben. Dies können wir uns in diesem Winter gar nicht oft genug vor Augen führen, wenn Russlands Erpressungsversuch mit der Energie-Waffe von uns einen wirtschaftlichen Preis fordert.

    [1] Vgl. Högselius (2013): Red Gas, S. 159. Friderichs war 1972-1977 Bundesminister für Wirtschaft.

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