Als Ukrainer für deutsche Gaskunden frieren mussten

Die russischen Gaslieferungen werden bald 49 Jahre alt. Am 1. Oktober 1973 floss der erste Kubikmeter russisches Erdgas durch den eisernen Vorhang nach Deutschland. Und das „ohne Pass und Visa“, wie der damalige sowjetische Gasminister Sabit Orudschow beim Stelldichein mit seinem deutschen Amtskollegen Hans Friderichs an der Übergabestation in Waidhaus hervorhob. [1] Erdgas stand ganz im Zeichen von Entspannung und Handelsinteressen. Die Deutschen fanden Gefallen an komfortablen Erdgasheizungen – und die Sowjetunion war erpicht auf Einnahmen in harter Währung.

Frieren mussten dafür die Ukrainer. Der Aufbau der sowjetischen Erdgasinfrastruktur erfolgte langsamer als geplant. Moskau räumte den Lieferverpflichtungen gegenüber dem Westen oberste Priorität ein und reduzierte im Winter 1973/74 dafür die Erdgasmengen für die Ukraine. Wohnungen und Schulen blieben hier wiederholt kalt und Fabriken stellten die Produktion ein. Besonders betroffen waren Charkiw, Kiew und Lwiw. Die neuen westdeutschen Kunden bekamen von dieser realen Brüderlichkeit in der sozialistischen Welt nichts mit.

Die Ukrainer damals hatten keine Wahl, sie standen unter russisch-sowjetischer Herrschaft. Die Ukrainer heute verteidigen ihr Land gegen den brutalen russischen Angriff mit ihrem Leben. Dies können wir uns in diesem Winter gar nicht oft genug vor Augen führen, wenn Russlands Erpressungsversuch mit der Energie-Waffe von uns einen wirtschaftlichen Preis fordert.

[1] Vgl. Högselius (2013): Red Gas, S. 159. Friderichs war 1972-1977 Bundesminister für Wirtschaft.